Schlagwörter

, , , , ,

Im Gegensatz zu vielen Blogs, Einträgen und Kommentaren bin ich der Meinung: Fernsehen ist weder notwendig für Kinder noch ist es der Entwicklung der Kinder zuträglich. Warum ich dieser Meinung bin möchte ich im Folgenden näher ausführen. Ich werde regelmässig einen weiteren Grund einfügen, bis zumindest meine „Top Ten“ aufgeführt sind

4. Medienkompetenz

Der Begriff Medienkompetenz geistert durch viele Einträge und Blogs und ist ein Argumentationsmittel für die Nutzung von TV, Computer und Co. im Zusammenhang mit Kindern. Es wird argumentiert, dass Kinder durch das Schauen von (natürlich nur ausgewählten) Sendungen Medienkompetenz erlangen. Für mich ist es ein Scheinargument. Warum ich das so sehe?

Ohne auf die verschiedenen Modelle und Erklärungen von Medienkompetenz zurückzugreifen -das überlasse ich den entsprechenden Wissenschaftlern- liegt es nahe, sich auf das Wort Kompetenz zu fokussieren. Kompetenz heißt: über Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verfügen. Im Zusammenhang mit Medien hieße dies, Fähigkeiten und Fertigkeiten für die Arbeit und Nutzung von Medien zu besitzen. So weit ist das sicherlich unstrittig und nachvollziehbar. Jetzt behaupte ich aber, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter diese Kompetenzen gar nicht besitzen und auch nicht besitzen können. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass es auch keine Rolle spielt, ob Eltern oder Medienpädagogen versuchen, den Kindern Medienkompetenz beizubringen. Weil Kinder diese Kompetenzen -egal was man auch anstellt – aus einer natürlichen „Unreife“ heraus nicht lernen können. So wie Kleinkinder auch noch nicht alleine dem Straßenverkehr überlassen werden dürfen. Egal, wie viel man mit ihnen übt und trainiert. Sie KÖNNEN aufgrund ihrer Entwicklung NICHT den Straßenverkehr überblicken und damit umgehen.

Aber gehen wir doch konkret auf die „Fähigkeiten“ und „Fertigkeiten“ ein. Mit einer Kompetenz, d.h. mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, ist nicht gemeint, dass ein Kind weiß wie man auf einen Knopf drückt oder Programme umschaltet. Gemeint ist ein inhaltliches Verständnis für und ein Umgehen mit Sendungen und der unausweichlichen Werbung. Gemeint ist eine Unterscheidung zwischen relevanten und irrelevanten Informationen und Botschaften.  Gemeint ist die Fähigkeit sich kritisch mit den getroffenen Aussagen und den selektiven Informationen auseinanderzusetzen. Das sind hohe Anforderungen, denen sich manch Erwachsener kaum stellen mag.

Ein Argument der TV Befürworter ist es, dass Kinder möglichst früh „daran arbeiten müssen“, um diese Kompetenzen so schnell wie möglich zu erlangen.

Diesem Argument folgend, hieße es, auf den Strassenverkehr übertragen: je früher Kinder im Strassenverkehr lernen, je früher sie an ein Steuerrad gesetzt werden, desto besser fahren sie später Auto und können früher und besser den Verkehr meistern. Ist das so? Wächst das Gras tatsächlich schneller, wenn man an ihm zieht? Lernt ein Kleinkind schneller laufen, wenn man es schon mit drei Wochen auf die Füße stellt? Kann das Kind die Blase schneller kontrollieren, wenn man es konstant aufs WC setzt? Es gibt schlicht Entwicklungsstufen, die nun einmal dann erreicht werden, wenn sie individuell bei einem Kind dran sind.

Einem Kind zu erklären, dass Werbung Werbung ist und ein bestimmtes Ziel zu erreichen versucht, ist vergebens. Wie soll das Kind ohne jegliche Erfahrung und Verständnis den Unterschied zwischen einem „Kinderschokoladenlied“, welches sugeriert dass Kinder unbedingt Schokolade brauchen und einem Zahlenlied aus der Sesamstrasse verstehen. Kinder können nur über Erfahrung begreifen. Folglich können Kinder nichts aus dem TV lernen, was sie nicht vorher schon erfahren haben. Forscher an der Uni Flensburg und vom deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) beschreiben das Altersschema für die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Realität und Fiktion folgendermaßen:

2-3 Jahre: Fernsehinhalte werden ausschließlich als real angesehen
4 Jahre:  Personen und Objekte, die außerhalb des Fernsehens nicht existieren, werden als fiktiv angesehen (z.B. Zeichentrickfiguren)
5-6  Jahre: Beiträge können teilweise anhand bestimmter filmtechnischer Merkmale
(Kameraführung, Tonqualität, Hintergrundmusik) zugeordnet werden
7-11 Jahre: Fiktion kann von Realität unterschieden werden

aus: http://www.psychologie-aktuell.com/fileadmin/download/esp/4-2010_20110113/castello.pdf

Das Kinder- und Jugendfilmzentrum in Deutschland (KJF) schreibt spezifischer dazu:

„Das Narrationsschema repräsentiert den Verlauf einer Filmhandlung oder
einer -erzählung, indem es das Personen- und das Szenenschema
miteinander verknüpft. Dadurch wird es möglich, zum Beispiel die Dramaturgie
von Fernsehwerbespots zu erkennen und zu verstehen.“ Das Narrationsschema wird ca. ab einem Alter von sieben Jahren verstanden.

Darüber hinaus geschieht ja beim Fernseh-Kind genau das Gegenteil dessen, was eigentlich bei der Ausbildung einer Kompetenz geschehen soll. Nämlich Kritikfähigkeit und Umgangsfertigkeiten. Die Kinder hören auf zu hinterfragen, weil Ursache und Wirkung, weil Kommunikation und Beeinflussung nicht sichtbar beziehungsweise nicht möglich sind.

Genau hierzu schreibt der Hirnforscher Prof. Hüther: „Es wird zunehmend schwieriger, zwischen Ursachen und Wirkungen zu unterscheiden. Etwa, warum der Pfeil auf dem Bildschirm nach rechts wandert, wenn wir die Maus bewegen. Dieser Mangel an Sinnzusammenhängen hat zur Folge, dass Kinder irgendwann nicht mehr nach Kausalitäten fragen. Das ist eine einfache Konsequenz der menschlichen Gehirnentwicklung. Die Kinder lernen quasi, dass sie Dinge hinnehmen müssen, ohne den Sinn dahinter zu begreifen. Viele digitale Medienangebote sind nicht nur nicht verstehbar, sie sind auch nur eingeschränkt gestaltbar“

http://medienbewusst.de/fernsehen/20090803/gerald-huether-medien-sind-keine-ersatzbefriedigung-fuer-ein-ungelebtes-leben.html

Nun aber doch noch einige Beschreibungen zur Medienkompetenz. Ab welchem Alter diese Fähigkeiten überhaupt erreicht werden können oder auch nur gelernt werden sollten, muss jeder Pädagoge oder Elternteil selber entscheiden. Ich möchte es nur der Vollständigkeithalber aufführen.

  • Individuum. Dessen Mündigkeit gegenüber Medien sollte ausgebildet sein, um die Machtart und die Bedingtheit von Medien zu verstehen, sowie diese zu durchschauen.
  • Als zweite Schlüsselkompetenz in unserer heutigen Informationsgesellschaft stellt Hoffmann den sozialen Bezug dar. Medienkompetenz darf nicht nur subjektiv auf das Individuum projiziert werden, sondern muss im Kontext der Gesellschaft und deren Gruppen (wirtschaftlich, sozial, kulturell) gesehen werden.
  • Die Aufnahme von Informationen aus Medien und damit den Nutzungsaspekt – rezeptiv – nennt Hoffmann als dritten wichtigen Aspekt. Medien sind für den Menschen ein wichtiges soziales Referenzsystem, mit dessen Hilfe das Erfassen und Verstehen der Welt vereinfacht werden kann. Daher ist es notwendig, sich in der Vielfalt des Medienangebots zu Recht zu finden, um sich dieses nutzbar zu machen.
  • Dies wird vom Subjekt durch gestalterisch aktive Teilnahme am medialen Alltag erreicht. Dieser Handlungsaspekt soll vom Subjekt aufgegriffen werden, um sich die Medien als Werkzeug für die eigenen sozialen Interessen nutzbar zu machen.

Zur Medienbildung gehört überdies alles, was die Reflexion von Meinungsbildungsprozessen fördert.
Also mindestens auch Wissen über
– Medienmacher und Medienberufe
– Auswahl und Bearbeitung von Medienmaterial (Print, Audio, TV, Online)
– Schnittfolgen, Vertonung, Musikeinspielungen, Layout und Aufmerksamkeitslenken
– Metaphorische Konzepte zur Idealisierung oder Dämonisierung von Menschengruppen, Ländern…
– Rollenstereotype und (falsche) Vorbilder
– Moderne Formen der Kriegspropaganda
– Gewaltverherrlichung und –verharmlosung
– Werbung offen und subtil
– Recherche und Quellenbewertung
– Medienrecht – nicht nur eingeschränkt auf v.a. Urheberschutz im Internet
– u.v.m.
http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20091203_IMV-Schiffer_Medien-Wahrnehmung.pdf

Advertisements