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Nach meinen Einlassungen zur Unvereinbarkeit von  Konzept und Realität in der Tagespflege, schaue ich mir nun die Ausbildung zur Tagespflege an und stelle fest: Es besteht Optimierungspotential. Denn trotz des umfassenden Bundescurriculums überrascht die geringe Qualität bei der Umsetzung.

Blaue Schuhe

Es reicht offensichtlich nicht, stur den Inhalten und – teilweise mehr als fragwürdigen – Übungen und Empfehlungen des Curriculums zu folgen. Wie etwa sollen Rollenspiele zwischen – für derartige psychologische Spielchen nicht ausgebildete – Erwachsenen Verständnis und Reflexion zu realen Konfliktsituationen mit den eigenen und fremden Kindern, Ehepartner, Tageskindereltern etc. fördern? Reicht es andererseits, den Teilnehmern die “Entwicklungsstufen” des Kindes nur theoretisch zu erläutern, ohne sie bei der späteren Umsetzung in konkrete Abläufe und Handlungen zu unterstützen? Können die Teilnehmer danach wirklich die Konsequenzen und Auswirkungen vom eigenen Tun oder Nichttun reflektieren; bekommen sie ein Gespür für die Gestaltung der Betreuungsumgebung; können sie unterscheiden zwischen kindgerechtem oder unangemessenem Spiel und Spielzeug?
Was m.E. in der Ausbildung fehlt, ist die Teilnehmer dabei zu unterstützen, die eigenen Positionen, Werte, Beweggründe und Handlungs- und Erziehungsmuster zu verstehen, zu hinterfragen und daraus für die Aufgabe fruchtbare und wichtige Erkenntnisse zu gewinnen.
Muss nicht auch in der täglichen Arbeit Mediation zwingend eingeführt werden, wie sie auch in anderen verantwortungsvollen Berufen selbstverständlich ist? Ist es nicht wichtig, die eigenen Lücken und Bedarfe widergespiegelt zu bekommen, um daran weitere Ausbildungsschritte knüpfen zu können? Muss nicht ständig wiederholt werden: “es gilt sich IMMER weiter zu bilden, zu entwickeln, zu lernen”. Dies ist eine grundsätzliche Forderung an den Menschen, aber insbesondere an jene, die unsere Kinder in ihren wichtigsten Lebensjahren begleiten und dadurch maßgeblich formen.

Für eine erzieherische Tätigkeit ist es essentiell, die Kindesentwicklung in ihrer Gesamtheit und mit all ihren Wechselwirkungen zu beleuchten und zu verstehen. Zu verinnerlichen, dass die Dinge nicht einfach gemacht werden sollten, weil das Curriculum es so „vorschreibt“, sondern weil es einen tieferen Sinn und wichtige Zusammenhänge gibt.
Bewegung bedeutet z.B. eben nicht, dass das Kind durch die Wohnung oder durch einen ebenen Garten rennt. Sondern den ganzen Körper zu bewegen, Höhen zu überbrücken und Tiefen zu durchschreiten, unterschiedliche Untergründe zu “begreifen”, Platz und Raum zu haben, um zu rennen, zu rollen, zu springen und zu hüpfen. Sich in eine Wiese zu legen und den Wolken zuzuschauen; den heimischen Tieren und Pflanzen zu begegnen.
So wie auch “Musik machen” nicht bedeutet, eine CD einzuschieben und den Refrain zu schmettern. Es kann heißen: “zusammen zu singen, Rhythmen zu klatschen oder zu klopfen, Musikinstrumente zu spielen; einfach MUSIK aktiv zu “erleben”. Um Musik zu hören, erfordert es mehr als nur einen Knopfdruck. Dafür muss man AKTIV gestalten, arbeiten; eben TÄTIG sein.

Die Ausbildung muss zusätzlich so flexibel sein, die individuellen Voraussetzungen und (bildungs)Hintergründe der Teilnehmer zu beachten. Jemand der bereits Pädagogik studiert und selber keine Kinder hat, hat einen anderen Bedarf an Fortbildung als eine ungelernte 22-jährige Mutter von zwei Kindern.

Natürlich ist es nicht einfach Menschen die selber nicht gerne lesen und weder Kultur kennen noch wertschätzen so auszubilden, dass sie genau diese wichtigen Kulturgüter den Kindern vermitteln. Jedoch muss die Ausbildung genau diese Dinge leisten. Sie muss den betreuenden Menschen begreiflich machen, dass eben nicht nur eine Betreuungsleistung gefordert ist, sondern sie durch ihre Arbeit Menschen befähigt und die Grundlage mitgibt ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten und in die Hand zu nehmen.  Neugierig auf das Leben zu sein und mit Freude und Zuversicht in das Leben zu treten.

Abschließend noch einige Anmerkungen:

  • Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass meine Ausführungen weder umfassend noch hinreichend ausführlich sein können. In der gebotenen Kürze eines Blogs lassen sich nur einige Punkte exemplarisch darstellen.
  • Ebenso wenig bezweifle ich, dass all diese Dinge auch auf Kitas und Kindergärten zutreffen. Hier wie dort gibt es Bedarf (und derzeitigen Mangel) an hoch qualifizierten, umfassend ausgebildeten und selbstreflektierten Persönlichkeiten und die Notwendigkeit ständiger Mediation.
  • Dass der Anspruch in der Ausbildung und die Wertschätzung des Betreuungspersonals proportional zum Alter der Kinder (und analog auch die Bezahlung) zunimmt und erst bei den obersten Schulklassen ihren Höhepunkt findet, ist mir ein großes Rätsel und widerspricht allen wissenschaftlichen und vor allem persönlichen Erkenntnissen. Ein umgekehrter Zusammenhang zwischen Einkommen und Kindesalter wäre danach angebrachter.
  • Die Qualität der Ausbildung hängt natürlich auch immer von den Ausbildern und Teilnehmern ab und streut sicherlich immens.
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