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EmpathieDie Frage, warum die Qualität in der Tagespflege häufig nicht den Anforderungen der Experten und vor allem der Eltern entspricht, habe ich bereits mit den beiden Beiträgen Qualität der Ausbildung und Konzept und Realität teilweise beantwortet. Aber ein weiterer, dritter Punkt, ist entscheidend für die Qualität der Kindertagespflege: Neben einer Verbesserung der Ausbildung und einer Annäherung der Realität an die (Ideal-)Konzepte, muss bei den Betreuungspersonen auch die innere Haltung und die Bereitschaft zu notwendigen Veränderungen vorhanden sein – und von Seiten des Systems Unterstützung und Hilfe bei diesen Veränderungen. Denn ansonsten und überhaupt ganz grundsätzlich gilt: “Gelernt” ist gelernt. Menschen ändern sich nicht so einfach!

Menschen, die in ihrem Umfeld unter spezifischen Bedingungen aufgewachsen sind und die anschließend eventuell eigene Kinder mit ihren individuellen Methoden und Mustern über Jahre erzogen haben, werden ihre Gewohnheiten nicht aufgrund einer  Ausbildung ohne weiteres ablegen. Es gibt Muster und Routinen, die so tief sitzen, dass nur eine intensive, stark auf Selbstreflektion und Persönlichkeitsbildung ausgerichtete Ausbildung und Betreuung, diese zu durchbrechen vermag – und damit erst den neuen gewünschten Methoden den Weg bereitet . Besonders in Stresssituationen verfallen Menschen spätestens  wieder in den alten Habitus.

Ich möchte es hier überspitzt formulieren: Wird eine Tagesmutter, die mit Gewalt aufgewachsen ist und selber in ihrer Erziehung einen Klaps auf die Hand als Erziehungsmittel jahrelang bei ihren eigenen Kindern praktizierte, nicht nur VERSTEHEN, dass dies KEINE geeignete Erziehungsmethode ist, sondern auch diese „Gewohnheit“ ablegen können? Auch und insbesondere in Stresssituationen?

In einer Kinderbetreuung kann sich z.B. bei Kindern keine “Liebe” zu Büchern, zu Literatur und Kunst entwickeln, wenn die Tagesmutter und ihre Familie selber nie liest und “Kunst und Kultur” als gelegentlichen Kinobesuche definiert.
Ebensowenig können Kinder uneingeschränkte Freude an Wald und Natur entwickeln, wenn die Tagesmutter schon leichten Niesel fürchtet und den Kindern allein aus Angst vor Matsch und Dreck das Spielen im Freien untersagt; wenn “Wanderungen durch die Natur” nicht viel mehr sind als kurze, widerwillige Spaziergänge.  Wie sollen Kinder lernen sich zu bewegen und Strecken ohne Geheuel zu laufen, wenn die Tagesmutter nach 800 Metern durch den Wald eigentlich schon umkehren möchte und überhaupt keine Freude und Spaß an langen Naturspeziergängen ausstrahlt? Wie kann Freude an der Natur erlebt werden, wenn selbst Birken oder Buchen, unbekannte und eigentlich zur Kategorie „sind halt uninteressante Bäume“  gehören? Kinder übernehmen die Werte und Einstellungen ihrer Bezugs- und Erziehungspersonen. Interesse weckt, wer Interesse hat. An Natur, Bewegung, Kultur, Literatur, Musik und Lebensneugier und – Freude etc.

Wenn (in Konzepten und Curriculen) von der Bedeutung der Ernährung gesprochen wird, die Tagesmutter (und ihre Familie) daran tatsächlich aber wenig Interesse zeigt und der Lebensmittelqualität geringe Aufmerksamkeit schenkt, dann wird eine gesunde ausgewogene Ernährung zumindest nachhaltig nicht umsetzbar sein (man stelle sich nur die Reaktionen vor, wenn die eigenen Kinder statt der gewohnten nun Vollkorn-Dinkel-Nudeln, statt geschmacksverstärkter Fertigsaucen nun selbstgemachte Gemüsesaucen mit frischen Kräutern und statt der überzuckerten Schokopuddings frische ungezuckerte Frucht-Quarkspeisen essen sollen). Die Aussprüche und Kommentare der großen Kinder kann man sich also lebhaft vorstellen. Die teilnehmenden Tageskinder, bekommen diese Auseinandersetzung mit und verinnerlichen sehr schnell die Sätze wie: “ihhhh bähhh das schmeckt ja gar nicht”, ” den Müll esse ich nicht”, “Bio ist doch Abfall” usw. Die Tagesmutter steht dann in einem Konflikt zwischen den eigenen Kindern, Auffassungen und Routinen und aufgesetzten, angelernten, aufgezwungenen Verhaltensweisen.
Sollte eine Tagespflegeperson aber tatsächlich die neuen, in ihrer Ausbildung vermittelten Erkenntnisse zu ihren eigenen machen wollen, so wird sie mit den notwendigen “Änderungsprozessen” allein gelassen – einer Change-Management-Aufgabe, deren Umfang selbst gestandene und dafür ausgebildete Manager an ihre Grenzen bringen würde.

Abschließend noch einige Anmerkungen:

  • Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass meine Ausführungen weder umfassend noch hinreichend ausführlich sein können. In der gebotenen Kürze eines Blogs lassen sich nur einige Punkte exemplarisch darstellen.
  • Ebenso wenig bezweifle ich, dass all diese Dinge auch auf Kitas und Kindergärten zutreffen. Hier wie dort gibt es Bedarf (und derzeitigen Mangel) an hoch qualifizierten, umfassend ausgebildeten und selbstreflektierten Persönlichkeiten und die Notwendigkeit ständiger Mediation.
  • Dass der Anspruch in der Ausbildung und die Wertschätzung des Betreuungspersonals proportional zum Alter der Kinder (und analog auch die Bezahlung) zunimmt und erst bei den obersten Schulklassen ihren Höhepunkt findet, ist mir ein großes Rätsel und widerspricht allen wissenschaftlichen und vor allem persönlichen Erkenntnissen. Ein umgekehrter Zusammenhang zwischen Einkommen und Kindesalter wäre danach angebrachter.
  • Die Qualität der Ausbildung hängt natürlich auch immer von den Ausbildern und Teilnehmern ab und streut sicherlich immens.
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