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KinderspieleDas Bundescurriculum zur Ausbildung von Tagespflegepersonen überrascht mit seiner Vielfalt und hinsichtlich der Menge von Themen. Selbst Fachleute müssen anerkennen: das Bundescurriculum ist ein umfassendes Werk, das eine fundierte Ausbildung von Tagesmüttern gewährleisten sollte. Das Curriculum wird zudem immer wieder überarbeitet und weiter in seiner Qualität verbessert.
Alles wunderbar also? Mit Tagesmüttern, die all diese Themen verinnerlichen und umsetzen, MUSS es doch ausschließlich tolle Betreuungsangebote geben. Die vielen bunten Websites von Tagesmüttern, deren Konzepte genau dem Curriculum entsprechen, bestätigen diesen Eindruck – leider jedoch nur auf den ersten oberflächlichen Blick. Nach näherer Betrachtung stelle ich jedoch fest, dass hohe Qualität nach wie vor kaum zu finden ist. (und dies gilt für Kindergärten im gleichen Maße).

Sicher, die Aussagen und Erklärungen von Tageseltern klingen oft sehr vielversprechend und beeindruckend. Nur: Die Konzepte der Tagesmütter und ihre Websites ähneln sich zu weit und benutzen zu sehr dieselbe Sprache, als dass sie wirklich alle selbständig, aus eigenem Überlegen heraus und mit individuellen Idealen und Überzeugungen gestaltet worden sein können. Durch Abschreiben und Kopieren aber wird die Betreuung auch nicht besser.
Die verwendeten Begrifflichkeiten und kopierten Konzepte  wie “Berliner Modell”, “Erziehungspartnerschaften”, “Förderungen der sozialen, emotionalen, körperlichen und geistigen Entwicklung bei Kindern”sind ja richtige Ansätze und Ideen. Die Konzepte wirken aber wie direkt aus dem Curriculum und entsprechenden – in der Ausbildung erlernten –  Paragraphen zur Tagespflege abgeschrieben. [§22 SGB VIII Abs 3. Satz 1 ff: “ Der Förderungsauftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Er schließt die Vermittlung orientierender Werte und Regeln ein. Die Förderung soll sich am Alter und Entwicklungsstand, den sprachlichen und sonstigen Fähigkeiten, der Lebenssituation sowie den Interessen und Bedürfnissen des einzelnen Kindes orientieren und seine ethnische Herkunft berücksichtigen.”]

Die Begriffe und Modelle sind ja nicht per se falsch. Im Gegenteil. Entscheidend bleibt aber vielmehr, WIE sie interpretiert, umgesetzt, ausgefüllt werden. Wann also ist eine körperliche und geistige Entwicklung gesund und wann ist sie es nicht? Was sind die orientierenden Werte und Regeln? Wie setze ich diese theoretischen Erkenntnisse in erfolgreiche Praxis um? Eltern brauchen auf genau diese – und auch auf manchmal ungestellte – Fragen Antworten, um beurteilen zu können, ob die angebotene Tagespflege mit den eigenen Werten und Vorstellungen zusammen passt. Erläuterungen hierzu sucht man jedoch viel zu oft vergeblich.
Natürlich bestreite ich nicht, dass es viele Eltern gibt, die sich wenige bis gar keine Gedanken machen, unbedarft bei der Auswahl der Tageseltern sind oder auch mit schlichter Betreuung völlig zufrieden sind, solange die Kinder ausreichend mit Spielzeug und Lebensmitteln versorgt sind.
Legen Eltern aber Erkenntnisse der neueren Hirnforschung, Pädagogik und Medizin ihren Entscheidungen zu Grunde und haben eventuell dabei noch eigene, mitunter spezielle Vorstellungen, dann ist es ausgesprochen schwierig, die richtige Betreuung zu finden, dann merkt man schnell, dass die Versprechungen und Konzepte selten mehr sind als bloße Lippenbekenntnisse.

Werden wir konkret und erläutern das oben gesagte mit einigen Beispielen. Beispiel 1: körperliche Förderung durch Spiel und Bewegung

Alle Tagespflegefamilie wohnen scheinbar “großzügig”; haben einen “weitläufigen” Garten, in dem “nach Herzenslust” getobt werden kann. Die Realität ist dann oft eine andere: Gespielt werden darf in einem winzigen Bereich, toben ausgeschlossen. Im Zentrum der Einrichtung steht nicht das Kind und sein Spiel, sondern die “Alltagstauglichkeit”, d.h. nicht selten das Fernsehgerät. Der Mini-Spielgarten besteht aus “Kunstbeeten” und zwei bis drei Plastikspielzeugen, von Natur und Natürlichkeit keine Spur. Haus und Garten platzen aus allen Nähten. Wo und wie sollen Kinder in solcher Umgebung und derart eingeengt “körperlich” gesund aufwachsen? Aufhorchen sollte man auch bei Formulierungen wie “Wir gehen regelmäßig auf den Spielplatz in der Nachbarschaft”. Besser sollte es doch heißen “Wir gehen mit den Kindern JEDEN Tag zwei bis drei Stunden in die Natur, den nahe gelegenen Wald” o.ä.

Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung Freiheit, im Wortsinne. Kein bloßes Dach über dem Kopf.

Beispiel 2: kulturelle Förderung und Bildung der Kinder durch Tanz, Musik und Gesang.

Auch hier scheinen sich alle Tageseltern zu gleichen. Musik spielt eine wichtige Rolle, das hat die Ausbildung (und der Markt) gelehrt. Bei näherem Hinsehen wird aber klar, dass mit “Musizieren” das elektronische Abspielen von Kinderliedern gemeint sein kann, mit “gemeinsamen Gesang” das stumpfe Mitgrölen – Karaoke für die Kleinen.
Statt aktiv erzeugt wird Musik bloß passiv konsumiert, also verbraucht und hat somit kaum pädagogischen oder entwicklungsfördernden Wert.

Beispiel 3: kulturelle Förderung und Bildung der Kinder durch die Vermittlung von Literatur und Kunst.

Leben die Erwachsenen als Vorbilder die Liebe zu Kunst, Literatur und Kultur nicht vor, werden die Kinder auch durch Anschauen von ein paar Bilderbüchern, Literatur und Bücher nicht als Schätze, als wertvoll, spannend und große Geheimnisse bergend, verstehen. Ist das Wohnzimmer eher ein Fernsehzimmer und sind die Bücher entweder ganz verbannt  oder der Fundus erschöpft sich schnell in ein paar Reiseführern, Bildbänden und Krimis, liegt der Verdacht nahe, dass hier die Vermittlung von Literatur und die Liebe zu Literatur und Kunst nur im Konzept nicht aber in der Realität zu finden sind.

Beispiel 4: Ruhezeiten

Wo Ruhezeiten angekündigt, Ruheräume aber nicht geschaffen werden; wo “Bettchen” bloße Matratzen sind, die dort liegen, wo sie beim Schlafen am wenigsten stören und nicht die Kinder am ungestörtesten sind; dann kann die Tagesbetreuung bereits für ein kleines Kind zur ungeheuren Stresssituation mutieren.

Die Vorstellung, dass “individuell” auf die Kinder eingegangen, dass gebastelt und draußen gespielt und getobt, gekocht, musiziert und gespielt wird, dass es Ruhephasen gibt, Vorlesezeit und vielleicht auch einmal Langeweile (also “Ich-Phasen” für das Kind, in denen es sich mit sich selbst beschäftigt) – das ist der berechtigte Anspruch der Eltern. Dass nebenher der Haushalt erledigt werden soll und die eigenen Kinder mit der vollen Aufmerksamkeit betreut werden – das ist oft die Vorstellung der Tageseltern.

Fazit: weder die Ausbildungsunterlagen und der Inhalt der Ausbildung, noch die Länge der Ausbildung sind entscheidend für die Qualität. Eine gute Ausbildung kann gute „Anlagen“ vertiefen und herausholen. Sie kann NIEMALS eine unfähige Tagesmutter zur guten Tagesmutter machen.

Abschließend noch einige Anmerkungen:

  • Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass meine Ausführungen weder umfassend noch hinreichend ausführlich sein können. In der gebotenen Kürze eines Blogs lassen sich nur einige Punkte exemplarisch darstellen.
  • Ebenso wenig bezweifle ich, dass all diese Dinge auch auf Kitas und Kindergärten zutreffen. Hier wie dort gibt es Bedarf (und derzeitigen Mangel) an hoch qualifizierten, umfassend ausgebildeten und selbstreflektierten Persönlichkeiten und die Notwendigkeit ständiger Mediation.
  • Dass der Anspruch in der Ausbildung und die Wertschätzung des Betreuungspersonals proportional zum Alter der Kinder (und analog auch die Bezahlung) zunimmt und erst bei den obersten Schulklassen ihren Höhepunkt findet, ist mir ein großes Rätsel und widerspricht allen wissenschaftlichen und vor allem persönlichen Erkenntnissen. Ein umgekehrter Zusammenhang zwischen Einkommen und Kindesalter wäre danach angebrachter.
  • Die Qualität der Ausbildung hängt natürlich auch immer von den Ausbildern und Teilnehmern ab und streut sicherlich immens.

Ein Wort noch zu den sich wiederholenden Kommentaren in Tageszeitungen: Die LÄNGE der Ausbildung sagt GAR nichts aus. Es gibt Menschen die können auch 6 Jahre eine Ausbildung zum Schreiner absolvieren und sind immer noch keine guten Schreiner. Weder technisch noch künstlerisch.  Eine Kindergärtnerin, kann auch 5-10 Jahre in der Ausbildung sein, und immer noch völlig unfähig mit Kindern umzugehen. In JEDEM anderen Job ist das eine Realität und wird anerkannt. Weder eine Ausbildung noch die Länge der Erfahrung in einem Job, befähigen Menschen oder machen sie zu guten Mitarbeitern. Eine Qualität der Tagesmutter an den Ausbildungsstunden zu messen ist somit einfach unsinnig. Es gibt auch ausgebildete Erzieherinnen die den Kurs zur Tagespflege besuchen und erschrickt über die dort gebrachten Beiträge und Fragen…..

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