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EmpathieIn der Zeit wurde kürzlich ein Artikel veröffentlicht über die Not der Kindergärten, Erzieher(innen) zu finden. Der Artikel wiederholte bekannte Argumente und war somit nicht außerordentlich interessant. Interessant waren jedoch die Kommentare, einer im Besonderen. Ein Herr echauffierte sich über Forderungen einer besseren Bezahlung von studierten Erzieherinnen und fand, dass die Kinder doch früher auch einfach nur draußen spielten und ihnen eigentlich nur jemand die Tür aufmachen müsse. Wozu also die hohe Bildung. Diese oder ähnliche Meinungen sind häufig zu hören. Lustigerweise meist von Männern jenseits der 30. Im selben Zuge wird auf die Ursache allen Übels, nämlich die konstante und sich verbreitende Verwöhnung hingewiesen. Sicherlich ist diese Einstellung ua. auf ein Erziehungscredo der 50er und 60er Jahre zurück zu führen, das wiederum geprägt ist vom alten Geiste der „Abhärtung“. Aber mir geht es gar nicht um eine Analyse der Menschen, die solche Meinungen vertreten oder gar um eine Zeitreise in die Pädagogik. Ich möchte im Folgenden viel mehr auf zwei Dinge eingehen. 1. Verwöhnte Kinder oder überbehütete Kinder? In einem weiteren Blogbeitrag werde ich dann noch einmal auf die Notwendigkeit einer guten Ausbildung bei Erzieher(innen) eingehen.

Verwöhnte Kinder – gibt es das?

Natürlich gibt es verwöhnte Kinder. Die meisten befragten Menschen empfinden Kinder als verwöhnt, wenn sie ständig alles sofort erhalten. Wenn keine Wünsche übrig bleiben oder es nicht lernt mit Einschränkungen zu leben und nicht zu teilen. Auffällig ist die Vermischung von „verwöhnt“ und „überbehütet“. Für einige ist es Dasselbe oder es wird in denselben Kategorien verwendet. Hier sollte aber doch genau getrennt werden. Ein behütetes oder überbehütetes Kind muss nicht ein verwöhntes Kind sein. Eltern können durchaus eine Pädagogik vertreten, in denen das Kind nicht jeden Wunsch erfüllt bekommt und ständig Grenzen gesetzt werden und trotzdem es gleichzeitig sehr behüten oder gar überbehüten.  Ein verwöhntes Kind kann materiell verwöhnt sein und trotzdem in einer kalten, abweisenden Atmosphäre aufwachsen. Auf der anderen Seite kann es Kinder geben, die von allen Bezugspersonen mit Liebe und Respekt verwöhnt werden. Und ist das dann nicht ein „gutes“ verwöhnen? Fragt man herum, so scheinen sich zwei Aspekte heraus zu kristallisieren. Die materielle Verwöhntheit im Zusammenhang mit einer Haltung des „ich lasse dem Kind seinen Willen“ und die körperliche Verwöhnung was früher auch als verzärteln bezeichnet wurde. Zum Beispiel in Form von körperlicher Abhärtung bei Kälte oder Gewaltmärsche ohne Hilfestellung usw.

Aber wo ist dann die Grenze? Ab wann ist ein Kind materiell gut versorgt und ab wann ist es materielle Verwöhnt? Ab wann ist ein Kind körperlich „verzärtelt“, ab wann ist völlig überfordert und ab wann wird es geschädigt? Ich erinnere nur an die noch bis vor kurzem propagierte Meinung Kinder stundenlang Schreien zu lassen („das stärkt die Lunge und den Willen..“). Leider lässt sich die Grenze nicht pauschal definieren. Jeder Mensch ist anders und „steckt“ Dinge unterschiedlich weg. Hinzu kommt das Alter. Was für ein 3 jähriges Kind durchaus als zumutbar betrachtet werden kann, kann für ein 1 jähriges Kind gesundheitlich/seelisch schädigend sein. Die Einstellung zu bestimmten Dingen muss sich also mit dem individuellen Alter des Kindes mit entwickeln. Für Eltern und Bezugspersonen heißt das ein gutes Gespür für das Kind zu haben und individuell aber auch mit einer konsequenten Linie die Grenzen zu erfühlen. Ebenso, ob gerade dieses eine Kind, vielleicht durchaus auch einmal die eigenen Grenzen überschreiten sollte.

Verwöhnt vs. überbehütet

und genau dort setzt dann auch das „behütet“ sein ein. Ein gutes Gespür für das Richtige und Falsche in diesem Moment und für dieses Kind scheint mir ein gut behütetes Kind. Setzen Eltern ihre eigenen Masstäbe an oder reproduzieren sog. Expertenwissen ohne individuellem Bezug, kann ein Kind als überbehütet bezeichnet werden. Ist also Mutter oder Vater panisch darauf bedacht, ein Kind vor Treppenstufen zu schützen und es ständig über Treppen hinweg zu tragen obwohl es gerade in dem Alter ist Treppenstufensteigen zu erlernen, so ist es nicht verwöhnt und auch nicht behütet, sondern überbehütet.  Wird einem Kleinkind draußen eine dem Wetter angepasste Mütze aufgesetzt, so ist das nicht ein überbehütendes Verhalten, sondern den Bedürfnissen des Kindes angepasst. Ein Kind in der Sonne ohne Sonnenbekleidung härtet ein Kind nicht ab, sondern schädigt es.

Überträgt man diese Einordnung auf das heutige Leben, so ist durchaus kindgerecht, es je nach Alter vor Autos, Umweltbelastungen und Medien zu schützen. Ein selbständiges Verkehrsverhalten kann erst ab einem gewissen Alter erfolgen. Da nützt es auch nicht, früh zu üben. Die Einschätzung von Geschwindigkeit setzt nun mal erst ab einem bestimmten Alter ein. Eine „Abhärtung“ gegen Umweltbelastungen wie Lärm, Gifte usw. gibt es nicht. Diese Faktoren sind immer schädlich und somit ist hier eine „Überbehütung“ durchaus zu befürworten. Über das Verständnis und den Einfluss von Medien hatte ich bereits in vorangehenden Blogbeiträgen hingewiesen (10 Gründe kein TV zu schauen). Ebenso ist kindgerechte Kleidung, Schutz vor Umweltgiften und gute Ernährung sicherlich nicht zu den Kategorien „überbehütet“ zuzuordnen.

Verwöhnte Kinder können in vielen Situationen beobachtet werden. Eltern, die aus Angst oder Bequemlichkeit dem Kind die Schokolade im Laden nicht verwehrt, die sich nicht aufraffen können, das Kind trotz zu erwartendem Protest und Geschrei zur gewohnten Zeit ins Bett zu bringen. Wenn Kinder ein Fahrrad oder sonstige Wünsche mal eben zwischendrin erhalten oder ohne dass es den Eltern eigentlich recht ist doch noch einen weiteren Film sehen oder am Computer/Hand spiele darf. Ebenso, wenn ein Kind nach kaum 10 Metern Spaziergang sich weigert weiter zu laufen und die ganze Familie dann umkehrt oder das Kind in den herbei geschrienen Wagen gesetzt wird. Oder fleißige Eltern den Schlitten der Kinder unermüdlich den Berg heraufziehen -teilweise noch das Kind transportierend- damit der Sprössling nur das Vergnügen nicht verliert. Und es gibt sicherlich 100te weitere Beispiele. Hier haben wir es dann durchaus mit verwöhnten Kindern zu tun und mit einer ungesunden Entwicklung.

Damals war alles besser?

Kinder in der Grundschule zur Schule zu bringen hat meistens nichts mit „überbehütet“ oder „verwöhnt“ zu tun. Die Straßen heute unterscheiden sich von Straßen damals. in den 70er Jahren war es kein Problem auf ruhigeren Straßen mit den Nachbarkindern Völkerball zu spielen.  Heute geht das selbst bei Spielstraßen aufgrund des Verkehrsaufkommens und der Uneinsichtigkeit der Verkehrsteilnehmer nicht mehr. Durch kleinere Familien und viele Schulbringer, gibt es auch weniger Kinder oder Kindergruppen auf dem Weg, der immer einen Schutz bedeutet hat. Früher gab es an vielen Ecken einer Straße alte verlassene oder unbebaute Grundstücke zum Spielen und Toben. Heute gibt es noch nicht einmal kleine Rasenflächen und wenn, sind diese unbetretbar weil sie vermüllt oder mit Hundemist gespickt sind. Oder sich die Nachbarn gestört fühlen.
Damals gab es immer Kindergruppen auf der Straße mit älteren Geschwistern. Heute sieht man kaum noch Kinder draußen und dann nur vereinzelt zu Ferienzeiten oder in einer altershomogenen Mischung. Kein älterer Bruder bringt den jüngeren einer Siedlung oder Straße noch das Fahrradfahren oder Rollschuhlaufen bei oder lässt die kleineren Kinder mitspielen. All dies muss zwangsweise von den Eltern geleistet werden und kann durchaus Konflikt – und Stresspotential bergen aber auch der lockere Umgang geht verloren und die eventuelle Ängstlichkeit der Eltern wird auf das Kind übertragen.  In größeren Städten weiß keiner mehr wer wohin gehört, welches Kind wo wohnt und somit fallen Unregelmässigkeiten nicht auf. Viele Dinge waren damals nicht bekannt oder nicht im Bewusstsein. Die große Rolle der Ernährung und des gesunden Umfeldes auf die Entwicklung des Menschen auf Gesundheit und Wohlbefinden. Die Gefährlichkeit bestimmter Gifte in der Umwelt und natürlich auch die Angst der Eltern vor dem sozialen und materiellen Abstieg der Kinder, der vermeintlich nur durch Intensivkurse und Computerkenntnisse verhindert werden kann. Die immer größere Vernetzung und somit steigende Komplexität der Zusammenhänge verängstigt und verunsichert viele Eltern. Das einzige Kind soll es besser oder zumindest genauso gut haben und sich in der Welt bewegen können. Diese Verunsicherung nicht verspüren müssen. All dies spielte „damals“ in einer Aufstiegszeit keine Rolle und löste keine Ängste aus. Egal welche Ursache, es scheint im Auge des Betrachters zu liegen, was genau als verwöhnt zu bezeichnen ist, was als überbehütend und was Richtig und was Falsch ist und somit sollte jeder seinen eigenen Weg mit seinen Kindern finden.

 

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